Wer wir sind

Wir haben uns als Bündnis drift – feminist alliance for communism zusammengeschlossen, um für eine radikale feministische und queere Gesellschaftskritik zu streiten. Wir, das sind Gruppen und politische Zusammenhänge aus Göttingen, Hamburg, Hannover, Jena, Kassel, Leipzig und Marburg. Der Bündnisname drift steht unter anderem dafür, dass wir innerhalb der feministischen und queeren Bewegung eine bestimmte Strömung stark machen wollen: radikale Gesellschaftskritik. Diese verstehen wir so, dass sie eine Umwälzung der herrschenden Verhältnisse zum Ziel hat, die auf die Befreiung aller Menschen abhebt und bis dahin immer eine emanzipatorische Perspektive im Hier und Jetzt stark macht. Diese Kritik ist unabdingbar gegen das gerichtet, was wir als Doppelbewegung der modernen Antimoderne bezeichnen. Damit meinen wir das Erstarken von Islamismus und Nationalismus, die beide patriarchale Vergemeinschaftungsideologien sind. Sie geben sich kapitalismuskritisch, stützen dabei aber die Aufrechterhaltung kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse. Der instrumentellen Vernunft entsprechend, bedienen sie sich moderner Mittel, wie Waffen­ und Informationstechnologien, um gegen die Freiheitsversprechen der Moderne vorzugehen.

Ob die Massenproteste gegen die katholisch-­erzkonservative polnische Regierung, die Demonstrationen gegen die homophoben französischen FamilienfanatikerInnen, die feministischen Aktionen gegen die autokratische Herrschaft der AKP in der Türkei – als feministische Kommunist_innen und kommunistische Feminist_innen sind wir solidarisch mit Kämpfen, die sich weltweit gegen diesen Autoritarismus und seinen Antifeminismus richten.

  • Wir gehen gegen regressive Familienpolitiken vor. Nationalstaatliche Bevölkerungspolitik und religiöse Familienfantasien gehören auf den Müllhaufen der Geschichte!
  • Wir streiten weiter für die Legalisierung von Abtreibung. Niemand – kein Staat, keine Familie und kein Partner – hat das Recht, über die Körper von Frauen* zu verfügen!
  • Wir bekämpfen jede Gewalt gegen Frauen*! Schluss mit patriarchalen Familienstrukturen, misogynen Unterwerfungsfantasien und rape culture!
  • Unser Ziel ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen*. Regressive Mythen, Klischees und rigide Sexualmoral entmachten!
  • Im Sinne einer queeren Gesellschaftskritik treiben wir eine radikale Liberalisierung der Geschlechter­ und Sexualpolitik voran.
  • Wir bekämpfen Homophobie. Wir wenden uns gegen jegliche Verfolgung, Ausgrenzung, Diskriminierung von Lesben, Schwulen und anderen Queers!
  • Wir richten uns gegen Inter-­ und Transfeindschaft! Wir wenden uns gegen die Nichtanerkennung, die Verfolgung und den Hass auf die, die in der zweigeschlechtlichen Ordnung nicht aufgehen.

Uns geht es dabei immer um eine Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt. Sie sind es, die die Kategorie Geschlecht erst hervorbringen – grundlegend verknüpft mit dem Kapitalverhältnis, mit der Nation, mit religiösen Vorstellungen und dem Staat. Wir wollen eine Gesellschaft – überall auf der Welt –, die nicht auf Ausbeutung und Verwertungslogik basiert und damit tagtäglich Leid produziert. Stattdessen wollen wir eine Gesellschaft, die auf der Assoziation freier Individuen beruht. Wir wollen eine Gesellschaft, in der alle Menschen ohne Angst verschieden sein können!

Antifeministische, homophobe oder transfeindliche Angriffe und Anfeindungen sind bitterer Alltag. Oft haben sie derzeit einen (völkisch) nationalistischen oder islamistischen Hintergrund. Beide Ideologien wenden sich gegen die historischen Errungenschaften der verschiedenen Frauenbewegungen. Beiden geht es darum, eine regressive Sexualmoral zu festigen. Beide kultivieren Männlichkeitsbilder der Stärke, propagieren den männlichen Körper als Waffe und bemühen eine Rhetorik des unermüdlichen heroischen Kampfes. Beide betreiben eine Abwertung von Frauen* und wollen den rigiden Zugriff auf weibliche Körper. Deswegen hassen sie sexuelle Lust, Perversion und (queere) Uneindeutigkeit – also alles was nicht zu ihrer patriarchalen Sexualmoral passt.

Wir denken Nationalismus und Islamismus sind autoritäre Bewegungen. Das sind sie auch deshalb, weil sie sich permanent bedroht fühlen und deswegen einen paranoiden Abwehrkampf führen. Sie sind getrieben von einer Angst, die eigene Identität und die damit verbundene Herrschaft zu verlieren. Diese Wahrnehmung rührt aus einer unverstandenen ökonomischen und sozialen Krisenerfahrung. Das geschieht einerseits durch die Fehlbearbeitung aktueller globaler Verwerfungen. Andererseits fühlen sie sich durch Liberalisierungserfolge der letzten Jahrzehnte, die zum Beispiel antirassistische, feministische und queere Bewegungen errungen haben, zutiefst verunsichert. Auf diese empfundene Ohnmacht reagieren sie mit Allmachtsfantasien und Aggressionen, die sich in Antifeminismus und Antisemitismus, in Rassismus und Sozialchauvinismus ausdrücken.

Dass der Nationalismus erstarkt, zeigt sich global und in Europa gerade allzu deutlich. Er drückt sich aus in den Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien vom französischen Front National über die deutsche AfD bis hin zur ungarischen Fidesz­ Partei. Auch auf der Straße, in Bürgerinitiativen und anderen Netzwerken ist ein nationalistisches Klima bemerkbar. Der Aufschwung nationalistischer Kräfte geht derzeit einher mit einem neuen Selbstbewusstsein christlicher FundamentalistInnen, die sich Seite an Seite mit Anti­Genderismus­ VerschwörungsideologInnen an der nationalistischen Bewegung beteiligen. Oft kommt der Nationalismus auch in seiner völkischen Variante daher, bestimmt die Nation ethnisch und ist damit offen rassistisch und antisemitisch. Es vergeht in Deutschland momentan kein Tag ohne rassistischen Anschlag oder Übergriff.

An aktuelle Mobilisierungen und Kampagnen gegen die (völkische) Rechte wollen wir mit einer feministischen Gesellschaftskritik anknüpfen und deutlich machen: Eine grundsätzliche Kritik des Nationalismus braucht einen starken und radikalen Feminismus!

Wie nah sich Nationalismus und Islamismus stehen, zeigt sich aktuell in der Türkei, in der eine autokratische Regierung gemeinsam mit anderen islamistischen Organisationen ihren nationalistischen Herrschaftsanspruch gewaltsam durchsetzt. Dabei stützt sie sich auf Organisationen wie die Grauen Wölfe, deren Ableger auch in anderen Ländern aktiv sind. In ganz Europa weiten konservativ religiöse und nationalistische Interessenverbände ihren Einflussbereich, vor allem in sozialen und kulturellen Belangen, aus. Besonders betroffen davon sind linke Türk_innen und Kurd_innen. Aber auch andere islamistische AkteurInnen wie salafistische Gruppierungen und Strömungen versuchen ihren Einfluss auf Verbände, Familien und Nachbarschaften auszubauen. Innerhalb dieser spielen Frauen eine zentrale Rolle, indem sie maßgeblich zur Fundamentalisierung ihres sozialen Umfelds beitragen und als Multiplikatorinnen islamistischer Ideologie wirken. Darüber hinaus sind tausende junge Männer, darunter auch viele Konvertiten, von Westeuropa und anderen Orten aus nach Syrien und in den Irak gereist, um am „großen Krieg“ teilnehmen zu können und ihre Fantasien von Kalifat, Geschlechtertrennung und Abenteuer Realität werden zu lassen. Andere begehen in ihren Heimatländern und Nachbarstaaten in Europa blutige Anschläge.

Seit Jahrzehnten setzen sich Feminist_innen und Kommunist_innen mit dem Phänomen des Islamismus auseinander, nur wenige aber übersetzen ihre Kritik bewusst in eine politische Agenda, aus Sorge, sie könnten damit rassistische Stereotype bedienen oder zum Angriffsziel von IslamistInnen werden. Wir halten es für notwendig, den Islamismus für seinen Antiliberalismus, Antifeminismus und Antikommunismus radikal zu kritisieren!

Wir wollen eine Gesellschaft, in der alle ohne Angst verschieden sein können. Islamismus und Nationalismus stehen dem unvereinbar gegenüber: Während IslamistInnen sich eine reine Gemeinschaft der Gläubigen wünschen, ersehnen sich NationalistInnen eine homogene Volksgemeinschaft – somit vertreten sie beide eine menschenverachtende Ideologie der Ungleichheit. Ihr Hass auf individuelle Freiheit und das gemeinsame Glück jede_r Einzelnen führt dazu, dass sie emanzipatorische Bewegungen und deren Errungenschaften sowie uns selbst als Kommunist_innen und Linke angreifen. Diesem Kampf müssen wir uns stellen, gemeinsam und entschlossen.

Für eine radikale feministische Gesellschaftskritik gegen (völkischen) Nationalismus und Islamismus.
Fight nationalism! Fight islamism!

drift, September 2017